Bevor wir euch auf unsere Reise mitnehmen, wollen wir von der Ideenentstehung berichten und wie wir letztendlich auf das Projekt HDVC (Help to self-help for disabled and vulnerable children) in Ruanda gestoßen sind.

In unserem letzten Jahr der Ausbildung beschäftigten wir uns immer mehr damit, wie  es danach weiter gehen wird. Fragen – beispielsweise danach, wie man einen guten Einstieg in das Berufsleben findet oder welchen Fachbereich man gerne vertiefen möchte, beschäftigen vermutlich jeden Berufsanfänger. Wir beide fanden Ende letzten Jahres heraus, dass wir allerdings noch andere Erfahrungen sammeln und dabei auch gerne etwas von der Welt sehen wollen. Aus anfänglichen einzelnen Gedanken formte sich nach und nach eine immer konkreter werdende Idee – Physiotherapie im Ausland zu erfahren. Insbesondere in einem Land, dessen Gesundheitssystem noch weniger ausgeprägt ist und in dem vor allem unser Beruf nicht so präsent ist, wie in Deutschland. So begannen wir mit der Suche nach einem geeigneten Projekt über verschiedenste Quellen. Dabei waren wir auf kein bestimmtes Land fixiert. Es stand nur fest, dass die Arbeit mit Kindern zu tun haben soll. Wir suchten im Internet, hörten uns im Bekanntenkreis und auch bei Lehrern und ehemaligen Schülern um. Die Suche nach einem Projekt, wie wir es uns vorgestellt haben, gestaltete sich allerdings schwieriger als zu Anfang gedacht. Über die großen Organisationen wie beispielsweise ‚praktikawelten‘, ‚People-abroad‘ oder ‚projects-abroad‚ findet man eine riesige Menge an tollen und unterstützungswerten Projekten für Physio-, Ergotherapeuten, Logopäden und viele mehr. Auch waren die Mitarbeiter stets bemüht und sehr hilfsbereit um bei Interesse und Fragen zu dem jeweiligen Projekt mit Ratschlägen zur Seite zu stehen. Allerdings planten wir einen Aufenthalt von sechs bis acht Wochen und die Kosten für Unterbringung und Versorgung exklusive der Flüge für diesen Zeitraum waren uns schlichtweg zu hoch. Bedenkt man, dass die Organisationen sich um vieles vor Ort kümmern und einen während der Reisezeit auch absichern, wollen wir uns keinerlei Urteil darüber bilden, ob diese Preise angemessen sind oder nicht. Für uns war aber ausschlaggebend, dass es andere, weniger bekannte Projekte auf der Welt geben muss, die nicht die Chance haben über Internetzugang oder andere Medien weltweit auf sich aufmerksam zu machen, aber Unterstützung, vor allem fachspezifische, dringend gebrauchen können. Den Tipp zu dem Projekt HDVC in Kabuga/Ruanda bekamen wir letztendlich über einen privaten Kontakt. Dieser war selbst ein ganzes Jahr im Ausland freiwillig tätig und hat somit ein ganzes Netz von Kontakten zu Projekten über die ganze Welt verteilt. Alles was wir hatten, war die Information, dass sich in Ruanda ein Zentrum für geistig und körperlich behinderte Kinder befindet, in dem Physiotherapeuten gesucht werden. Dazu bekamen wir eine Telefonnummer, die wir kurzer Hand anriefen und so Kontakt zu der Leiterin des Zentrums – Christine Mukeshimana – aufnahmen. Ende Juni haben wir begonnen die ersten Nachrichten auszutauschen. Dann blieben uns noch vier Monate um alles Notwendige zu planen, Flüge zu buchen, das Visum abzuklären, einen aktuellen Reisepass zu beantragen und noch vieles mehr. Die Herausforderung daran war, alles neben unseren Examensvorbereitungen zu planen. Den September über haben wir uns allerdings nur auf unsere Prüfungen konzentrieren können und somit fiel fast ein ganzer Monat für die Planungen weg. Am Ende haben wir aber das Wichtigste organisiert bekommen: Wir wussten über das Projekt Bescheid und die Flüge, das Visum, die Unterkunft und der Transfer vom Flughafen waren fix. Wie genau in Ruanda allerdings alles aussehen und ablaufen würde, das blieb für uns bis zur Ankunft noch ungewiss. Die Aufregung stieg mit jedem weiteren Tag an dem die Reise näher rückte. Am 01. November 2017 war es dann endlich so weit und unser Abenteuer Afrika begann am Frankfurter Flughafen.

Nach einem langen Flug mit Zwischenstopp in Istanbul kamen wir mitten in der Nacht in Kigali, Ruanda an und schafften es nur noch mit Mühe und Not unsere schweren Rucksäcke vom Gepäckband auf unsere Rücken zu hieven. 

Im ganzen Flughafen, der zugegebener Maßen nicht sehr groß war, herrschte eine merkwürdige Stille und man konnte das laue/milde Wetter bereits spüren. 

Wir gingen zügig zur Passkontrolle und waren mit die ersten Reisenden am Schalter. Mit einer ungemeinen Ruhe und unglaublich leiser Stimme begann die Mitarbeiterin, unbeeindruckt von der langen Schlange hinter uns, unsere Pässe und Visa zu begutachten. Nach einer gefühlten Ewigkeit durften wir weiter gehen. 

Vor dem Flughafengebäude fanden wir uns inmitten einer grünen Parkanlage und einer Traube von Taxifahrern wieder. Als uns einer der Fahrer sein Handy anbot um unseren ‚Gastvater‘ anzurufen, der uns abholen wollte, waren wir erst sehr skeptisch und wussten nicht recht, ob wir ihm trauen konnten. In den nächsten Minuten stellte sich jedoch schnell heraus, dass er wirklich einfach nur hilfsbereit und alles in allem sehr freundlich war. 

Wir sprachen kurz mit unserem ‚Gastvater‘ und sahen wenig später in rasantem Tempo ein Auto vorfahren, aus dem ganz galant, breit grinsend und mit beiden Armen wild winkend Prosper ausstieg. Er begrüßte uns mit der, für Ruandis typischen flüchtigen Umarmung und half uns, unser Gepäck in einem alten Toyota, der rechts gefahren wurde, zu verstauen. Auch der Fahrer Rashid begrüßte uns sehr herzlich und wir nahmen auf der Rückbank – ohne Gurte versteht sich – Platz. Als ihnen auffiel, dass wir die Musik mochten, drehten sie voll auf und wir fuhren, alle im Takt wippend, über die Hügel Kigalis, deren Lichter in der Dunkelheit glitzerten. Zwanzig Minuten später waren wir ‚zu Hause‘. Trotz der späten Stunde erwartete uns unsere ‚Gastmutter‘ und Chefin Christine freudig mit Tee und Milchbrötchen. Nach einem kurzen Plausch fielen wir wenig später erschöpft in unsere, mit Moskitonetzen überdachten Betten.

So verliefen unsere ersten Stunden in Kigali, die wir jetzt, rückblickend, bereits als sehr bezeichnend ansehen. 

Die Ruhe und Gelassenheit der Ruandis ist unverkennbar. So hieß es bei Terminen nicht selten ‚German time or ruandan time?‘. Und ja, es stimmt wohl wirklich: ‚Die Menschen in Deutschland haben Uhren. Die Menschen in Ruanda haben Zeit.‘ So kann es passieren, dass aus einem Treffen um neun Uhr, schnell elf wird oder dass die ganze Hochzeitsgesellschaft mal eben 45 Minuten an der Straße warten muss, weil eines der Autos durch ein Fahrradrennen gestoppt wurde. 

Durch solche Dilemma lässt sich hier allerdings niemand aus der Ruhe bringen. Stress ist in Ruanda ein seltenes Gut. 

Eine weitere prägnante Eigenschaft der Ruandis ist die selbstlose Hilfsbereitschaft, die hier an den Tag gelegt wird. Ob der Taxifahrer am Flughafen, der freundliche Feldarbeiter, der uns kurzerhand (barfuß!!) den ganzen Weg auf den Berg zeigte oder die gesamte Bevölkerung Kabugas, die uns während unserer Brückenbauaktion non-stop mit Rat und Tat zur Seite stand. 

Die Ruandis sind ein sehr lebensfrohes Volk. Dies bemerkt man sofort, wenn man einen Fuß auf die (unfassbar sauberen!) Straßen Kigalis oder genau genommen ganz Ruandas setzt. Es dauert nicht lange und ein Pickup mit drei jungen Männern und riesigen Boxen auf der Ladefläche, die laut Hiphop mit afrikanischen Rhythmen verbreiten, tuckert an einem vorbei. Selbst am Busbahnhof oder an verschiedenen Ecken am Straßenrand sind Boxen installiert, die laut Musik verströmen – einfach um den Tag etwas zu versüßen. 

Die Liebe zur Musik und zum lockeren Leben wird hier vor allem freitagabends sichtbar. Freitag ist DER Tag zum ausgehen hier in Ruanda. So findet man jung und alt in sämtlichen Bars und Clubs Kigalis. (An dieser Stelle möchten wir anmerken, dass weder in einem Mützig – noch einem Skol-Bier unter 10% Alkohol sein können!)

Natürlich war es in den letzten Wochen auch nicht immer nur einfach für uns. Man muss sich auch erstmal an die andere Kultur gewöhnen. So war es zum Beispiel manchmal schwer andere Mimiken und Gestiken richtig zu deuten oder es einfach hinzunehmen, dass der Nachbar im Bus auch nach zwei Stunden holpriger Fahrt nicht müde wird, einen aus einer Entfernung von 30cm anzustarren. 

Bewegt man sich hier durch die Stadt, wird es nicht lange dauern bis man folgendes vernimmt: „Umuzunguuu!!“ Übersetzt heißt das in etwa „Andersfarbiger“. Ob es Fußgänger sind, die auf einen zukommen, Fahrradfahrer, die sich umdrehen und fast hinfallen oder Busfahrer, die aus dem offenen Fenster brüllen. Auch nach Wochen hat das kein Ende. 

Noch extremer wird es allerdings auf dem Land. Auf unserer siebenstündigen Busfahrt hoch in den Norden an die Grenze Ugandas – bei der wir wegen der Straßenverhältnisse ganze 143km zurücklegten – fuhren wir durch viele kleine Dörfer, die immer ländlicher wurden. Bei diversen Stopps versammelten sich ganze Grüppchen an Bewohnern, die zum Teil ihre Babys hochhielten, damit diese uns Umuzungus betrachten konnten. Kleine Kinder sprinteten so schnell sie konnten aus ihren Lehmhütten und schrien aus voller Kehle das Wort auf Kinyarwanda, was wir in unserem Leben wohl nie wieder vergessen werden. 

Das Lieblingsessen der Ruandis sind Reis, Kartoffeln, Kartoffeln, Bohnen, Reis und… hatten wir schon die Kartoffeln erwähnt? Diese werden auf verschiedenste Art serviert – so verschieden man eine Kartoffel eben frittieren kann… Gerne auch zu einer Mahlzeit in Kombination mit Reis und Nudeln. (Wer ist eigentlich dieser Low-Carb??) Besonders gut gefallen haben uns Chapatis – eine Art Pfannekuchen -, Samozas – kleine Teigtaschen gefüllt mit Fleisch oder Kartoffeln – und nicht zuletzt die unfassbare Menge an frischem Obst.

(An dieser Stelle dementieren wir, dass wir jemals kurz vor einem Nervenzusammenbruch standen, bei dem Versuch während des Obst- und Gemüseeinkaufs auf dem Markt den Überblick zu behalten.)

Ein letzter Punkt der ruandischen Kultur, der nicht unerwähnt bleiben darf, ist der Glaube und die Religiosität. Man findet hier unheimlich viele verschiedene Glaubensvereinigungen und ist es einmal nicht die Musik aus den Boxen, die man auf den Straßen hört, so wird man von lauten Kirchengesängen der Gottesdienste beschallt. Die Hochzeiten dauern hier mehrere Tage an und es gibt eine schier endlose Zahl an Zeremonien. Busse und Fahrräder sind bunt bemalt und mit Aufschriften wie ‚God is king‘ oder ‚Jesus loves you‘ bestückt. 

Dem Busfahren an sich könnte man einen ganz eigenen Text widmen. Es ist unglaublich diese wunderschöne Gegend während der Fahrten durch die Hügellandschaft zu beobachten. Es gibt einen Gang um zu den hintersten Plätzen zu gelangen. Sind diese voll, werden weitere Sitze ausgeklappt. Möchte einer der Fahrgäste der hinteren Reihen aussteigen muss jeder, der einen Gangplatz belegt, aufstehen und anschließend werden die freigewordenen Plätze wieder aufgefüllt. Es gibt auch keine Fahrtzeiten. Der Bus fährt los, sobald der letzte Platz belegt ist. Am skurrilsten empfinden wir aber das Bezahlen. Dafür benötigt man eine Guthabenkarte, die man immer wieder neu aufladen muss und von der vor dem Eintritt der jeweilige Preis abgebucht wird. Wenn man einmal schneller von A nach B kommen oder aber speziellere Orte erreichen möchte nimmt man sich hier ein „Moto“ – ein Mopedtaxi. Diese findet man an jeder Ecke. Eine solche Fahrt ist allerdings nichts für schwache Nerven. So kann es passieren, dass man sich mit Rucksack und Einkaufstüte auf dem Schoß mit 80 km/h durch die 40er-Zone brausend, wiederfindet. 

Alles in allem ist es eine Kultur, die zum Staunen anregt und von derer Gelassenheit, Hilfsbereitschaft und Lebensfreude wir uns gewiss die ein oder andere Scheibe abschneiden könnten.

Nach den ersten 4 Tagen Eingewöhnungszeit in Kigali waren wir bereit für unseren ersten Arbeitstag im Zentrum.

Was genau hat es mit dem Projekt und dem Zentrum überhaupt auf sich?

HDVC steht für ‚Help and self-help for disabled and vulnerable children‘. Es wurde 2009 von Christine Mukeshimana – unserer Gastmutter – ins Leben gerufen und richtet sich an Kinder und deren Eltern aus der ländlichen Gegend Kigalis und Teilen der Ostprovinz Ruandas. Sie ist selbst Physiotherapeutin und nach Ihrem Abschluss stand für sie fest, dass sie mit Kindern arbeiten möchte.

Seit 2009 finden Familien mit geistig oder körperlich behinderten Kindern hier Hilfe und Aufmerksamkeit. Krankheitsbilder wie ICP (infantile Zerebral-Parese) sind hier meist noch nicht bekannt. Als häufigste Ursache für die Behinderungen der Kinder werden uns allgemeine Komplikationen bei der Geburt auf Grund von mangelndem medizinischen Fachwissen genannt oder mangelnde Vorsorge während der Schwangerschaft. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Punkt ist, dass uneheliche Schwangerschaften von der hiesigen Gesellschaft verächtet werden und eine Abtreibung illegal ist. Daraus folgend greifen oft junge und verzweifelte Frauen zu den abschäulichsten Mitteln um die Schwangerschaft abzubrechen. In den seltensten Fällen ist dieses Vorgehen erfolgreich und das Kind trägt bleibende Schäden davon. Weiterführend ist das Wissen um eine entsprechende Therapiemöglichkeit oder sogar -notwendigkeit meist nicht vorhanden oder die finanziellen Mittel reichen schlichtweg nicht aus um die entsprechenden Schritte zu gehen. 

Außerdem werden in dem Zentrum aber auch Kinder aus ärmsten Verhältnissen stammend ein wenig aufgefangen. Christines Arbeit geht dabei meist über die eigentliche Therapie hinaus. Sie sorgt für die nachhaltige Medikamentenversorgung von Kindern mit Epilepsie. Sie leistet Aufklärungsarbeit direkt vor Ort um den Müttern die Notwendigkeit der regelmäßigen Therapiebesuche und der Schulbildung nahe zu bringen. Sie hält Vorträge zu geistigen und körperlichen Behinderungen und deren Therapiemöglichkeiten. Dabei versucht sie vor allem die ländlichen Regionen zu erreichen.

Ihre Kapazitäten diesbezüglich sind allerdings begrenzt, denn sie leistet dies ehrenamtlich an 3 Vormittagen in der Woche. An den Nachmittagen und den restlichen freien Tagen arbeitet sie in einer normalen Praxis um Geld für den Lebensunterhalt für ihre kleine Familie mitzutragen. Davon bezahlt sie aber auch anfallende Kosten des Zentrums wie zum Beispiel Hausmiete, Strom, Medikamente, Hauswächter, etc. weil es ihr eine Herzensangelegenheit ist.

Die Therapie und auch der Unterricht finden in einem kleinen Haus in einem etwas außerhalb von Kigali gelegenen Dorf – Kabuga statt. Ein Haus mit 4 Zimmern – ein kleiner Büroraum, ein Wartezimmer, ein „Turnraum“ mit 2 Matten ausgelegt und ein Lehrraum mit einem Tisch und 2 Stühlen für die Anamnese/Erstkontakte und vor allem für den Unterricht. Wie schon erwähnt gehen nicht alle Kinder zur Schule und grade die geistig beeinträchtigten Kinder können in der „normalen“ Schule nicht aufgefangen werden. Um diesen eine Basis an Schulbildung vermitteln zu können arbeitet ein angehender Lehrer für Sonderpädagogik ehrenamtlich im Zentrum mit. Das Haus ist umgeben von einem selbst angelegten Garten und hinter dem Haus befindet sich eine kleine Kochecke und eine Toilette. Gepflegt wird alles von dem Hauswächter Vincent, der in einem weiteren kleinen Raum mit seiner Frau und seinem neugeborenen Kind lebt.

Ein Tag im Zentrum:

Wie in dem vorherigen Bericht ‚Wie wir Ruanda kennenlernen‘ bereits beschrieben, ist das Zeitgefühl in Ruanda ein anderes. Außerdem haben viele der Kinder einen langen Fußweg vor sich bis sie das Zentrum erreichen, teilweise sogar bis zu 2 Stunden. So können die Ersten bereits gegen 10 Uhr eintreffen, andere aber erst gegen halb 12 oder 12 Uhr. Es ist nahezu unmöglich einen einfachen Tagesablauf zu beschreiben, denn einen genauen Terminplan und eine bestimmte Behandlungszeit gibt es hier nicht. Das wird individuell entschieden und hängt beispielsweise davon ab, wer zu erst kommt, wie viele Kinder an dem Tag therapiert werden müssen und wer welche Strecke vor sich hat. Jeden Tag verschafft sich Christine erst einmal einen Überblick, denn auch wer genau an dem jeweiligen Tag kommt, ist nicht sicher. Grob nimmt sie vor Therapiebeginn eine Einteilung in „physiotherapeutische Behandlung notwendig“, „Unterrichtbedarf durch den angehenden Sonderpädagogiklehrer“, eine Kombination aus beidem und in „neue Patienten“ vor. Auch die Reihenfolge, mit welcher „Gruppe“ sie dabei anfängt, entscheidet sie individuell und auch das hängt wieder davon ab, wie viele Patienten letztendlich erscheinen, ob der Lehrer als 2. Kraft und allgemein für den Unterricht zur Verfügung steht und vielem mehr. Für jedes Kind hat sie ein „Patientendokument“ angelegt mit persönlichen Angaben, der  Krankheitsgeschichte und einem Therapieziel. Bei dem Erstkontakt mit neuen Kindern wird beim ersten Termin ein solches Dokument angelegt und ein Gesamteindruck notiert. In einem anderen Buch dokumentiert sie am Ende des Tages, wer zur Therapie vor Ort war, an wen sie welche Medikamente ausgegeben hat und falls Besonderheiten auftraten auch diese. Allgemein kann man sagen, dass ein Therapietag von 10-14 Uhr andauert. 

In der Regel werden die Kinder / Jugendliche von ihren Müttern, Großmüttern oder Geschwistern begleitet, je nachdem wer sich grade um sie kümmern kann, denn die meisten sind auf Grund der mentalen oder physischen Einschränkung nicht in der Lage alleine zu kommen, oder sind ganz einfach noch zu jung. Die Begleitpersonen sind ein wichtiger Bestandteil der Therapie und sollen die Übungen nach Möglichkeit auch hauptsächlich unter Anleitung selber durchführen. „Hilfe zur Selbsthilfe“ das ist Christines größtes Ziel, weil die Therapie letztendlich zu Hause im Alltag und der gewohnten Umgebung – dort wo die Kinder zurecht kommen müssen – stattfinden muss. Der Weg zum Zentrum ist oftmals doch zu erschwerlich, oder aber die Not, zu Hause den Rest der Familie versorgen zu müssen, zu groß, sodass es vorkommen kann, dass einige Kinder manchmal wochen- oder monatelang nicht zur Therapie erscheinen. Umso mehr ist hervorzuheben, dass Christine einige der Kinder nun mehr als 8 Jahre therapiert – wenn auch mit kleinen Unterbrechungen im Jahresverlauf bedingt durch die eben genannten Probleme, die Regenperioden und Unwetter, die ganz plötzlich entstehen und ein Straßenchaos anrichten können.

Christine hat sich sehr bemüht uns von Anfang an einen Einblick in alles zu geben und uns am ersten Tag – dem von ihr benannten „introduction-day“ – in die Krankengeschichten der Kinder, die dort waren, eingeführt. Trotzdem haben wir erst nach den ersten 2 Wochen gemerkt, dass wir so langsam wirklich auch in der Therapie selbstständig etwas verrichten konnten. Anfangs haben wir alle 3 zusammen um ein Kind herum gesessen und jeder hat mal irgendwas gemacht. Sicherlich jeweils richtig gedacht und umgesetzt, aber doch nicht wirklich zielführend, weil ein gezielter Behandlungsaufbau gefehlt und dazu jeder einen anderen Ansatz verfolgt hat.  So haben wir beide für uns beschlossen, dass uns die Arbeit auf diese Weise nicht zufrieden stellt. Das schwierige daran war nur die Verständigung. Wir benötigten Christine zum Übersetzen – dachten wir anfangs zumindest – und konnten uns die Kinder also auch nicht aufteilen und gleichzeitig behandeln. 

In der dritten Woche waren wir dann aber gezwungen selbstständig und ohne Christines Hilfe zu arbeiten, denn sie fand an 2 Tagen keine Zeit zum Zentrum zu fahren, wegen der anstehenden Hochzeit ihres Bruders. Uns waren allerdings alle Krankengeschichten bekannt und so haben wir kurzerhand losgelegt. Unter anderem haben wir mittels eines Parcours Koordinationsübungen für die älteren Jungs durchgeführt und bei den Kleineren insbesondere einen Fokus auf Körperwahrnehmung gelegt. Am Ende des Tages waren wir überwältigt von dem, was wir gesehen und erlebt haben. Zum Einen den Spaß in den Gesichtern der Kinder, aber auch wie schwierig die vermeintlich einfachen Koordinationsübungen über verschiedene Laufarten und Schrittgrößen für sie waren. Zum Anderen das pure Erspüren von sich anbahnenden Bewegungen alleine durch Faszilitation, weil die Sprache nicht zur Verfügung stand. Von dem Tag an fühlten wir uns immer wohler, selbstständiger und auch effektiver bei der Arbeit.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es generell Zeit braucht um in neue Strukturen hineinzufinden. Insbesondere in einem anderen Land, mit anderen Gewohnheiten und vermeintlich fehlenden Verständigungsmöglichkeiten braucht es dafür auch definitiv mehr Zeit. Es ist auch nicht nur leicht, sondern erfordert Geduld und in der ein oder anderen Situation starke Nerven. Dennoch kann man wahnsinnig viel daraus an Erfahrungen mitnehmen und lernt sich selber im Umgang mit Menschen, aber auch bei der Therapie als solche ein Stück weit anders oder als Berufsanfänger vielleicht sogar überhaupt kennen. Wie in jedem Fall gibt es natürlich Vor- und Nachteile bestimmter Vorgehens- und Verhaltensweisen und da die Arbeit im Zentrum neben einigen Parallelen zu unserer gewohnten Therapie, wie wir sie für uns gelernt haben, zeigt, gibt es gleichzeitig auch große Unterschiede, mit denen wir auch immer noch nicht völlig zurecht kommen. Neben dem Erfahren der Therapie an sich hat sich von unserem ersten Tag im Zentrum an eine Fülle von Ideen in unseren Köpfen breit gemacht, was man am Zentrum selbst alles für Projekte angehen kann. Diese wollen wir in den vor uns liegenden Wochen umsetzen…

Unsere Ideen und Visionen gliederten wir schon in den ersten Tagen unseres sechswöchigen Aufenthalts in Ruanda, in mehrere größere und kleinere Projekte.

Grob lässt sich erst einmal sagen, dass wir einige Bau- oder Renovierungsarbeiten am Zentrum vornehmen wollten. Darüber hinaus hatten wir den Wunsch einzelne Schicksale sowie aber auch die gesamte Gesundheitsversorgung der Patienten des Zentrums finanziell unterstützen zu können. Als letzten großen Punkt nahmen wir uns vor die Organisation der Patientendaten und Rechnungen zu katalogisieren, einheitlicher und übersichtlicher zu gestalten.

Alles begann mit der Frage der Finanzierung. Wir begannen zügig Berichte über unsere Arbeit und das Zentrum, Christine und ihre Geschichte zu verfassen. Probleme und Schwierigkeiten durch die sie sich in den letzten Jahren beißen musste um ihr Projekt und die Gesundheitsversorgung der ohnehin schon benachteiligten Kinder vor dem Aus zu bewahren.

Wir schickten diese Berichte an unsere Freunde und Familien. An unsere alte Physiotherapieschule und viele mehr, mit der Bitte um Spenden und um weitere Verbreitung des Projekts. 

Zu Beginn bezahlten wir sehr viel aus unserer eigenen Tasche, doch es dauerte nicht lang bis uns die Nachrichten aus der Heimat erreichten. Es war überwältigend zu sehen, wie Viele bereitwillig spendeten. Ob kleine oder große Mengen. Ob Grißverdiener oder Berufsanfänger, die ohne mit der Wimper zu zucken von ihrem erstem Gehalt abgaben. Es dauerte nicht lang und wir wussten, unsere Visionen können in die Tat umgesetzt werden. Jetzt lag es an uns.

Das erste Projekt sollte eine neue Brücke über den tiefen Straßengraben ins Zentrum sein. Die Regenzeit frisst hier tiefe Furchen zwischen Straße und angrenzende Häuser und es ist ohne vernünftige Brücke schier unmöglich auf das Grundstück zu gelangen – und das allemal für körperlich oder geistig beeinträchtigte Kinder. Bisher waren hier wenige Bretter notdürftig zusammen geschustert und der Weg war sehr gefährlich. 

Brücken bauen. Neue Wege schaffen. So sollte es sein.

Nach gründlicher Recherche und Planung, wie man an dieser oft überschwemmten Stelle eine solide Brücke konstruiert, ging es an die Materialbeschaffung.

Was bei uns in Deutschland vielleicht in ein oder zwei Besuchen im Baumarkt abgehandelt wäre, wurde hier zu einem nahezu endlosen Unterfangen auf dem Markt Kabugas, auf dem wir mit der Unterstützung unseres Gastvaters Prosper so viel Wegstrecke zurücklegten, wie manch einer nicht in einer ganzen Woche. So fühlte es sich zumindest an, als wir immer mehr und mehr bepackt von einem kleinen Laden zum nächsten und wieder zurück liefen. Wir ließen Holzlatten zuschneiden, kauften Draht, Nägel, einen Hammer, suchten nach Eimern und Beton und verhandelten immer wieder um den Preis, denn was hier der ‚Last price‘ ist, kann sich hier minütlich ändern. 

Als das Holz fertig geschnitten war, wurden alle 42 Holzlatten auf den Fahrradgepäckträger des Houseguards Vincent gespannt, der dieses Konstrukt wie immer mit unerlässlichem Tatendrang und Hilfsbereitschaft ans Zentrum kutschierte.

Am nächsten Tag ging es dann ans Bauen. Es ist schon schwer als zwei weiße junge Frauen, einer Horde afrikanischer Männer zu beweisen, man könnte eine Brücke bauen (ja, mit den eigenen Händen) und hätte sich bei der Konstruktion sogar etwas gedacht. Mit vereinten Kräften, ging es aber dann doch sehr gut voran. Mit der Unterstützung unserer lieben Mitbewohnerin aus Korea, unseres Gastvaters und gefühlt der gesamten Bevölkerung Kabugas nahm die Brücke immer weiter Formen an. Es war wohl das größte Event seit Wochen. So war es nicht nur kurzzeitig der Fall, dass mindestens zwanzig Leute um uns herumstanden, uns ungläubig ansahen oder lauthals darüber beratschlagten, wie man etwaige Schwachstellen verbessern könnte. Zugegebn, es war schon sehr komisch so im Mittelpunkt zu stehen. Und doch war es zu keiner Zeit wirklich unangenehm. Alle waren so herzlich und sich nicht zu schade mal eben anzuhalten, Prosper den Hammer aus der Hand zu nehmen, alle 64 Nägel einzuschlagen um dann kurz lächelnd auf Wiedersehen zu sagen und weiter seines Weges zu gehen. 

Gegen Nachmittag wurden wir fertig und eine zweieinhalb Meter breite, in Beton eingelassene Brücke baute sich vor uns auf. 

Das Fundament war gelegt um buchstäblich weitere Schritte auf einem langen Weg zu ermöglichen. 

Die zweite große Baumaßnahme sollte eine Malaktion im Inneren des Zentrums sein. 

Hier waren die Wände bisher gelblich gestrichen und seither oft mit schmutzigen Kinderhänden berührt worden. Für ein solches Luxusgut wie Wandgestaltung war bisher einfach kein Geld da gewesen. Für uns stand allerdings fest, dass eine kindliche und angenehme Atmosphäre einen großen Teil zum Wohlbefinden und Spaß an der Therapie – vor allem für die Kinder – beiträgt. 

Wir begannen damit die Wände mit Bürsten und Wasser von dem Schmutz zu befreien, der sich in den letzten Jahren angesammelt hatte – und waren erstaunt was da alles mit dem Wasser abgespült wurde. 

Später besorgten wir viele bunte Farben. Genaues Erläutern der Schwierigkeiten Wandfarbe zu finden, die nicht abwaschbar war und zu einem akzeptablem Preis verkauft wurde, möchten wir an dieser Stelle ersparen. Auch, dass aus der Lieferung um halb neun, trotz mehrmaligem Versichern, zwölf Uhr wurde, ist hier nunmal einfach Gang und Gebe. 

Letztendlich bereiteten wir alles vor. Malten Wiesen, blauen Himmel, Bäume und Tiere an die Wände um den Kindern einen Raum zu geben, an dem sie Kind sein können. 

Am nächsten Tag fanden sich dann alle Mütter und Kinder zur großen gemeinsamen Malaktion ein. Alle bekamen Handschuhe und jeder der wollte, durfte sich in dafür vorgesehenen Bereichen kreativ ausleben. Wir hörten laut Musik, tanzten und lachten während das Zentrum in immer bunteren Farben erstrahlte. 

Abschließend verewigte sich jeder der Mitwirkenden mit einem Handabdruck auf der Wiese und wurde so noch einmal mehr Teil des Zentrums.

Neben diesen 2 großen Aktionen führten wir auch viele kleinere Projekte durch. So bereiteten wir mehrmals gemeinsam mit den Müttern ein warmes Mittagessen aus frischen Zutaten zu. Dabei hatten wir keine ausgestattete Küche zur Verfügung, sondern lediglich 2 offene Feuerstellen im Hinterhof. Jeder übernahm eine Aufgabe und am Ende saßen alle fröhlich zusammen und verspeisten das Werk. Von mal zu mal wurde es einfacher, denn jeder wusste was zu tun war und wir wurden zu einem eingespielten Team. Als Abschluss bereiteten wir einen Teig mit Schokostückchen vor und machten, ganz zur Freude und zum Erstaunen der Mütter und Kinder, Stockbrot im Garten des Zentrums. Wir kauften ‚Soda‘ (Fanta etc.) für alle, hingen Luftballons auf und tanzten freudig zu lauter Musik. Unsere kleine Weihnachtsfeier war perfekt – und das bei 28 Grad im Schatten.

Als Letztes möchten wir das Anliegen erwähnen, was uns eigentlich am meisten am Herzen liegt. Das Zentrum kann so schön aussehen wie es will und auch die Kochnachmittage sind super – aber genau genommen eher ein Zusatz. 

Wenn die finanzielle Lage nicht ausreicht um den Kindern und Jugendlichen eine adäquate gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen, hat das Zentrum sein größtes Ziel verfehlt. 

So war es uns sehr wichtig einzelne Schicksale genau unter die Lupe zu nehmen, um ihnen durch kontinuierliche finanzielle Unterstützung einen etwaigen Schulwechsel oder die Bereitstellung wichtiger Medikamente zu gewährleisten. Auch unumstößliche Operationen standen auf unserer Liste. 

Aber natürlich sollte es hier nicht nur um Einzelfälle gehen. Es ist wichtig ein breites Spektrum an beeinträchtigten Kindern auffangen zu können. Deshalb war es uns wichtig weiterhin für den Erhalt der Einrichtung zu sorgen. Wir kümmerten uns darum, dass vergangene Mietschulden beglichen wurden, das Haus mit Strom versorgt wurde und der treue Hauswächter sein lange ausgebliebenes Gehalt bekam. Weiterhin ist es im Gespräch alleinstehende Mütter, die selbst verzweifelt nach Arbeit 

suchen, im Grundlagenunterricht für die Kinder einzusetzen. 

Um die Arbeit und Organisation im Zentrum etwas transparenter und übersichtlicher zu gestalten, legten wir Ordner an, in denen in alphabetischer Reihenfolge jeweils Krankengeschichte, Medikamentenplan und etwaige zusätzliche Dokumente der einzelnen Kinder sortiert wurden. Ein zweiter Ordner wurde für Rechnungen und weitere Unterlagen zur Verwaltung des Zentrums eingesetzt.

Für die Therapie entwarfen wir zusammen mit Christine für jedes Kind eine Stempelkarte, um die Kontinuität der Therapiebesuche auch für sie selbst sichtbar zu machen. Dies sollte zudem eine Motivation für Mütter und Kinder sein. Darüber hinaus installierten wir ein Memoboard im Hauptraum des Zentrums, um einen groben Überblick darüber zu geben, mit wie vielen Patienten an den einzelnen Tagen zu rechnen war. 

Jetzt – sechs Wochen später – geht es darum, das Projekt langfristig zu sichern. Die bisherigen Erfolge nur als Anfang zu sehen und sich nicht darauf auszuruhen. 

Auf welche weiteren Herausforderungen wir uns auf diesem Weg einstellen müssen, wollen wir in unserem nächsten und letzten Bericht überdenken …

In unserem letzten Bericht wollen wir einen Ausblick darauf geben, wie es weitergehen soll und welche Herausforderungen es in Zukunft gilt zu bewältigen, um eine gute und langfristige Zusammenarbeit gewähren zu können. Fangen wir damit an, was wir bisher erreicht haben. Wie ihr bereits nachlesen konntet, haben wir in den vergangenen 6 Wochen die Basis des existierenden Projektes HDVC-Kabuga, unter der Leitung von Christine Mukeshimana, um einiges vergrößern und vor allem aber beginnen können diese zu stabilisieren. Das alles war nur durch die zahlreichen Spendeneingänge als Reaktion auf unseren Rundbrief ganz zu Beginn unserer Zeit hier in Ruanda möglich. Ein riesiges Dankeschön an dieser Stelle geht an alle Unterstützer! Wir haben damit begonnen Struktur in den Behandlungstag zu bringen und Kontinuität bezüglich der Therapiebesuche. Insbesondere in unserer letzten Woche haben wir die Motivation der Kinder und Mütter erlebt, die uns voller Freude am Ende des Tages ihre neue Stempelkarte hinlegten, die sie kurz darauf sorgfältig und voller Stolz in die Tasche packten. Besonders berührt haben uns die Worte der Mütter und Großmütter, die bereits in der kurzen Zeit kleinere und größere Fortschritte der Entwicklung ihrer Kinder gesehen haben und sich schon vieles für den Alltag abschauen konnten. Auch Christines Motivation schien neu aufzublühen. Fast so, als würde sie durch die Anerkennung ihrer Arbeit nach so vielen Jahren und die Anteilnahme unserer Familien und Freunde in Deutschland erneut angetrieben und auch ermutigt werden weiter zu machen. Wir fragten sie, was aus ihrer Sicht in den letzten Jahren die größten Herausforderungen waren und aktuell noch sind. An erster Stelle nennt sie natürlich die fehlenden finanziellen Mittel. Dabei meint sie vor allem die Armut ihrer Patienten, die aufgrund dessen die Wegkosten zu dem zuständigen Arzt oder Therapeut nicht bezahlen können. Ganz zu schweigen von den eigentlichen Kosten für die Konsultation und die folgenden medizinischen oder therapeutischen Maßnahmen. Da also keine frühzeitige Behandlung erfolgt, wachsen die Beschwerden stetig und die Therapiemöglichkeiten schrumpfen zeitgleich. Über dieses Kernproblem kann man lange diskutieren, es gilt aber jetzt den Blick in die Zukunft zu richten und Lösungen kleinschrittig anzugehen. 

Fest für uns steht, dass wir das Projekt persönlich weiterhin in dem uns zur Verfügung stehenden Rahmen unterstützen wollen. Dazu zählen wir zum Einen den kontinuierlichen Austausch mit Christine über das aktuelle Geschehen im Zentrum. Zum Anderen wollen wir den Kontakt an möglichst viele Stellen weitergegeben und die Idee des Projektes weiter verbreiten. Ein riesiger Erfolg wäre es für uns bereits, wenn der ein oder andere Freiwillige den Weg zum Zentrum findet, oder aber sogar nachhaltig regelmäßig ein Mal im Jahr freiwillige Physiotherapeuten (und auch Freiwillige jeglicher anderen Profession oder auch Schulabgänger) Christine für ein paar Monate in Kabuga unterstützen würden. Wir müssen die Absicherung des Projektes von unten her aufbauen und sind beide bisher noch absolut unerfahren. Es stehen unter anderem Überlegungen im Raum einen eigenen gemeinnützigen Verein zu gründen oder aber auch Kooperationen mit beispielsweise unserer ehemaligen Schule für Physiotherapie oder auch anderen Institutionen zu schaffen. Dazu müssen wir uns mit den jeweiligen Ansprechpartnern zusammensetzen und die Ideen versuchen – hoffentlich gemeinsam – umzusetzen, sobald wir beide wieder in Deutschland sind.

Als eine Herausforderung sehen wir an, die neu auflebende Struktur im Behandlungstag und auch die Kontinuität der Therapie von Christine und den Kindern mit ihren Müttern aufrecht zu erhalten. Dabei ist es aber wichtig eine Balance zwischen der notwendigen Struktur und Disziplin und der hiesigen Kultur zu finden. Für das Gewinnen langfristiger Sponsoren ist es wichtig eben diese vorweisen zu können, um auch Vertrauen in das Projekt zu gewährleisten. Wir müssen gleichzeitig aber auch die hiesige Kultur mit all ihren Eigenschaften respektieren und dürfen daher niemandem etwas aufzwingen. Eine solche Kooperation wird auf lange Sicht nicht funktionieren. Beide Seiten müssen sich aneinander anpassen. Dokumentationen des Geschehenen, Belege für Rechnungen beispielsweise sind notwendig. Gleichzeitig muss man sich aber auch dessen bewusst sein, das gewisse Dinge mehr Zeit in Anspruch nehmen als bei uns in Deutschland.

Wie schon in den vorherigen Berichten erwähnt, kommt Christine selbst für die anfallenden Kosten auf. Aber Natürlich sind auch ihre finanziellen Mittel begrenzt und ohne Spenden oder Zuschüsse ist es für sie immer wieder ein Kampf das Zentrum als solches zu erhalten. Die dringend notwendigen Medikamente und Untersuchungen durch Fachärzte nicht mit einberechnet. Daher ist es uns ein großes Anliegen langfristige Sponsoren für das Projekt zu begeistern und zu gewinnen, sodass das Zentrum auch zukünftig getragen werden kann.

Was wir dabei als Herausforderung ansehen ist, dass die Spendengelder auch wirklich ihren Weg zu den besagten Spendengründen finden. Vor allem muss also für Transparenz des Geldflusses gesorgt werden. Belege werden hier auf Wunsch zwar ausgestellt, auf Grund der mangelnden Digitalisierung bisher meist aber nur handschriftlich und dazu auch nur in der Landessprache Kinyarwanda. Diesbezüglich haben wir bereits mit Christine ausgemacht künftige Belege zumindest in französisch oder englisch ausstellen zu lassen und diese wenn möglich auch digital zu erfassen. Der erste Schritt ist in den kommenden Monaten alles bereits ordentlich in einem extra dafür angelegten Ordner abzuheften und uns eine Kopie zukommen zu lassen. Wir haben auch dazu schon einige Ideen, die es für Deutschland auszuarbeiten gilt.

Wie wichtig die Präsenz des HDVC – Zentrums in Kabuga und die Arbeit von Christine und ihrem Team ist, verdeutlicht eine aktuelle Studie erstellt durch Physiotherapiestudenten der University of Ruanda von April 2017. Die darin erhobene erste Statistik bezüglich Auftreten von Behinderung in der umliegenden Region bestärkt die Therapierelevanz und die Wichtigkeit des Zentrums. Sie besuchten dazu 180 Haushalte und interviewten 796 Menschen zu geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen/ Einschränkungen. In diesem kleinen Bereich, hier wird es „Cell“ genannt, leben 13 Kinder und 19 Erwachsene mit Einschränkungen – damit 4,02%. 

Auf Grund fehlender Strukturen unter anderem des Bildungssystems, können sich die Betroffenen auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt nicht durchsetzen. Aufgefangen werden können Sie nur in Zentren wie dem HDVC-Kabuga. 

Die Studie soll in den kommenden Jahren in weiteren umliegenden „Cells“ durchgeführt und auf die nächst größeren regionalen Einheiten, den Sektor Masaka und den District Kicukiro ausgeweitet werden. Die Stadt Kigali ist eingeteilt in einzelne Distrikte, die wiederum untergliedert sind in Sektoren und Cells. 

Zu guter Letzt wollen wir an euch appellieren. Traut euch eure eigenen Erfahrungen zu machen! Investiert Zeit in die Projektsuche und kontaktiert die Ansprechpartner persönlich. Lasst euch nichts einreden von jemandem, der selbst noch keinerlei Erfahrungen diesbezüglich gemacht hat oder das jeweilige Land noch nicht besucht hat. Wie oft mussten wir uns anhören, dass es für zwei weiße, blonde, junge Frauen viel zu gefährlich wäre in ein schwarzafrikanisches Land zu reisen. Und doch haben wir uns in keiner Sekunde unsicher gefühlt. Vielmehr waren wir von der Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft überwältigt. 

Wir hoffen euch durch unsere Berichte einen Einblick in die Arbeit, weit über die Grenzen der eigenen Komfortzone hinaus, gegeben haben zu können. 

Vielen Dank für euer Interesse!

Lea & Laura ☺

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